„Kranichsterben wird sich so in Europa nicht wiederholen“
Kranich-Experte Günter Nowald äußert sich in BUND-Veranstaltung optimistisch zur Entwicklung der Vögel des Glücks
Die Kraniche sind zurück! Ob in Mecklenburg-Vorpommern oder hier bei uns in Niedersachsen in und rund um die Diepholzer Moorniederung balzen die langbeinigen Vögel seit kurzem wieder in fast gewohnter Zahl – als wäre nichts geschehen. Noch im vergangenen Herbst herrschte großes Entsetzen und Bangen, wie viele der Kraniche die mindestens anfangs heftigen Attacken durch die hochpathogenen Erreger der Geflügelpest H5N1 überleben würden.
Doch Günter Nowald, seit 30 Jahren Leiter des Kranichzentrums am Rande des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland, konnte bei seinem Vortrag „Wer steckt wen an?“ beruhigen: Offensichtlich hat nicht nur die große Mehrheit der Kraniche überlebt. Sondern es scheint so, als hätte sich eine Resilienz, eine Widerstandskraft gegen das Virus unter den Kranichen durchgesetzt. Es bestehe also gute Hoffnung, dass sich in Europa ein Desaster wie im vergangenen Herbst nicht wiederholen werde.
Bewahrheiten sich die ersten Beobachtungen dieses Frühjahrs, dann würde dies bedeuten, dass vor allem jüngere Kraniche oder solche aus dem Ausland gestorben sind. Genauere Kontrollen in diesem Frühjahr werden zeigen, ob sich dieser erste Eindruck bewahrheitet oder nicht.
Der genaue Ablauf des Infektionsgeschehens und die Infektionswege sind nicht wirklich klar, nach wie vor ist immer wieder von der Wildvogelthese die Rede, wonach der Erreger aus der Wildpopulation in die Ställe getragen wurde. Bricht in einem Geflügelbetrieb die Geflügelpest aus, geraten die Wildvögel, darunter auch die Kraniche, ins Visier der Schuldfrage. Dabei ist in den meisten Fällen unklar, ob das hochansteckende Virus nicht aus den Mastbetrieben selbst kommt. Eine Antwort, die wahrscheinlicher, aber unangenehmer ist.
Nicht nur Nowald hat heftige Zweifel an dieser Wildvogelthese, und selbst das bundeseigene Friedrich-Loeffler-Institut schließt Übertragungen aus Geflügelhaltungen auf Wildvögel nicht mehr aus. Niedrigpathogene Geflügelpestviren gibt es schon lange in Wildvogelpopulationen. Sie mutierten zu hochansteckenden Viren zunächst in ostasiatischen Geflügelbetrieben, verbreiten sich auf dem Handelsweg zwischen den Geflügelhaltungen weltweit, gelangten zurück in die Vogelwelt. Hohe Besatzdichten in den Ställen sind ideale Voraussetzungen für eine Durchseuchung mit H5N1. Permanent wird die Epidemie durch Transporte von Eintagesküken, Zuchttieren oder kontaminiertem Futter angeheizt. Hinzukommt, darauf wies Nowald in der BUND-Veranstaltung hin, dass das Virus auch durch in Gefangenschaft gezüchtete und dann zur Jagd ausgesetzte Stockenten und Fasanen verbreitet werden könne.
Waren zunächst andere Vogelarten Hauptbetroffene, etwa vor wenigen Jahren die Basstölpel-Kolonie auf Helgoland, traf es nun die Kraniche. Anfang Oktober zunächst am Galenbecker See in der Mecklenburgische Seenplatte und später an vielen Orten entlang des Zugwegs starben Tausende von Kranichen, 20 000 in Deutschland, dazu kamen 15 000 in Frankreich und 1500 in Spanien, wo immer noch die Hauptüberwinterungsgebiete mit rund 200 000 Kranichen liegen.
Allein an einem Oktobertag, das ergaben Synchronzählungen an den Schlafplätzen, können sich in Deutschland fast 400.000 Kraniche während des Zuggeschehens aufhalten. In Niedersachsen brüten heute um 2000 Kranichpaare, in ganz Deutschland sind es etwa 13.000. Noch Ende der 1970er Jahre sah das ganz anders aus: Damals brüteten in Ostdeutschland nur noch 370 Paare des Kranichs (Grus grus), in Westdeutschland sogar nur noch 17. Dieser enorme Aufschwung hat ein Bündel an Gründen: So trug die Renaturierung von Mooren und anderen Feuchtgebieten dazu bei, so Nowald, dass Kraniche heute ausreichend Schlaf- und Brutplätze finden – sie brauchen das Wasser, um sicher vor Räubern wie den Füchsen zu sein. Auch vermehrter Maisanbau, von dessen Ernteresten die Kraniche im Winter profitieren, und der Klimawandel begleiteten den Aufwind für diese imposanten Vögel.
